Adipositastherapie

Die Behandlung von Übergewicht und Adipositas in der Klinik Hohenfreudenstadt

Als Lehrklinik für Ernährungsmedizin nach den Richtlinien der Deutschen Akademie
für Ernährungsmedizin (DAEM) ist die Klinik Hohenfreudenstadt auf die Behandlung
von Übergewicht und Adipositas als Ausgangsbasis des Metabolischen Syndroms
und seiner Folgeerkrankungen spezialisiert. Adipositas hat wegen ihrer schädlichen
Auswirkungen auf viele Organsysteme einen eigenständigen übergeordneten Krankheitswert.
Sie ist gravierender Risikofaktor für Hypertonie, Diabetes mellitus, Hypercholesterinämie
und Hyperurikämie, Herzinfarkt, Schlaganfall, Erkrankungen des Bewegungsapparates,
Arthro­se sowie verschiedene maligne Organerkrankungen.

Adipositas hat sich in den letzten 50 Jahren zu einer epidemischen Zivilisations­krankheit entwickelt. Die Ursache liegt in dem veränderten Nahrungsangebot und den bewegungsarmen Arbeitsbedingungen. Insbesondere hat sich das (überwiegend industriell hergestellte) Angebot an fettreichen Produkten und einfachen Kohlenhydraten vervielfacht und ist für nahezu die gesamte Bevölkerung erschwinglich ge­worden. Darauf ist der menschliche Organismus evolutionär nicht eingestellt. Der menschliche Körper betrachtet Fett als wertvollen Stoff, den er als effektive Reserve für Mangelsituationen speichert. Die unbewussten biologischen Steuerungsvorgänge versagen angesichts der modernen Ernährungssituation. Der genetische Anteil an der Übergewichtsproblematik ist wissenschaftlich unbestritten (und wird auf ca. 50% geschätzt).

Der Mensch muss unter den modernen Lebensbedingungen über bewusste kognitive Kontrolle sein Essverhalten steuern, um diese Problematik zu bewäl­tigen. Dies ist eine schwierige Aufgabe. Millionen von langfristig erfolglosen Ge­wichtsreduktionsversuchen mit vielen verschiedenen „Diät“-Programmen oder auch verhaltenstherapeutischen Strategien zeugen von der Macht evolutionärer biologischer Mechanismen und der Macht eingeschliffener kulturell und individuell so­zialisierter Gewohnheiten.

Bei gesicherter Grundversorgung tritt beim Essen im individuellen Erleben der biologische Überlebens-Wert zurück und die Erfüllung psychischer Bedürfnisse wird deutlich stärker gewichtet. Solche Bedürfnisse richten sich beispielsweise auf Lebensqualität, Genuss, Freiheit, Geselligkeit, Zugehörigkeit, Trost, Entspannung, Dämpfung unangenehmer Emotionen, gesellschaftlichen Status u.a. (Die Werbestrategien der Lebensmittelindustrien arbeiten über die Ansprechbarkeit solcher Be­dürfnisse). Die mit Essen assoziierten Bedürfnisse sind so vielfältig, weshalb ein ty­pischer Adipositas-Persönlichkeits-Charakter, den alle übergewichtigen Menschen aufweisen sollten, nicht gefunden werden konnte.

Das Essen ist integraler Bestandteil der persönlichen Lebensweise. Eine Ver­änderung der Essverhaltensgewohnheiten mit dem Ziel der Gewichtsreduktion ist keine isolierte Maßnahme, sondern betrifft letztlich die gesamte Person als bio-psycho-soziale Ganzheit. Dies erklärt, warum Versuche, nur das Essverhalten isoliert zu verändern, langfristig nicht gelingen können. Zu viele Gegenkräfte sind am Werk, die die guten Verhaltens-Vorsätze boykottieren.

Es bedarf somit eines ganzheitlichen Vorgehens, das sowohl die biologischen als auch die psychosozialen Aspekte einbezieht. Die Hauptfrage lautet: „Wie befähige ich mich, angesichts meiner biologischen Ausstattung (mit seinen Regelmechanismen) und angesichts der vielfältigen assoziierten psychischen Bedürfnisse sowie der gesellschaftlichen Lebensbedingungen, mein Essverhalten und Bewegungsverhalten so zu steuern, dass eine Gewichtsstabilisierung langfristig auf einem niedrigeren Niveau möglich wird und meine körperlich-seelische Gesundheit gefördert wird ?“.

Die Steuerung des Essverhaltens ist insbesondere eine psychische Herausforderung. Diese kann unter der Voraussetzung guter Eigenmotivation gemeistert werden. Der Motivationsprozess verläuft in mehreren Phasen beginnend mit der Sorglosigkeit, in der noch keine Impulse zur Verhaltensänderung vorhanden sind. Mit der Phase des Bewusstwerdens wird erstmals die Notwendigkeit und Möglichkeit einer Änderung in Betracht gezogen. In der Vorbereitungsphase wird die Hand­lung geplant. Dann wird die Handlung ausgeführt und es werden Erfahrungen damit gemacht. Schließlich geht es in der Aufrechterhaltung darum, die geänderten Verhaltensweisen zur Gewohnheit werden zu lassen. Wenn Übergewichtige in die Reha-Klinik kommen, befinden sie sich individuell unterschiedlich in einer dieser Motivationsphasen. Im einen Extrem gibt es Patienten, die bislang noch keinen Impuls hatten, ihr Gewicht zu reduzieren. Andererseits gibt es engagierte Patienten, die durch Änderung ihres Essverhaltens schon mehrere Monate eine gute Gewichtsabnahme erreichen konnten und bei denen es um die Frage der Stabilisierung geht.

Der erste Behandlungsschritt besteht darin, Problembewusstsein zu fördern in Bezug auf das eigene Essverhalten, das Körpergewicht und die Motivationslage. Hierzu dienen Informationsveranstaltungen in Form von ärztlicher Aufklärung, Vorträgen und Einzelberatungen der Ernährungsfachkräfte. Die Zusammenhänge zwischen Er­nährung, körperlicher Aktivität, Gewicht und Folgeerkrankungen werden aufgezeigt. In dem sich anschließenden Adipositasseminar wird praxisnah Wissen über die Zusammensetzung gesunder Ernährung vermittelt. Die Büfettschulung zum Frühstück und Abendessen eröffnet die Möglichkeit, bei der praktischen Umsetzung Hilfe zu be­kommen. Entscheidend ist, dass der Übergewichtige seine persönliche bisherige Ess- und Ernährungsweise reflektiert. Dies geschieht u.a. anhand von individuellen Ernährungsprotokollen. Die bewusst gewordene und genaue Kenntnis der eigenen Gewohnheiten ist der Ausgangspunkt für die Konkretisierung von Verhaltensänderungen. Für die Änderungsvorbereitung konzentriert sich unser Behandlungsansatz darauf, die Vorteile eines gesünderen Essverhaltens schmackhaft zu machen und gleichzeitig den Aufwand dafür als machbar darzustellen. Hierzu werden Demonstrationen z.B. über den Vergleich verschiedener Formen von Früh­stück eingesetzt und vor allem Erfahrungen in der Lehrküche über effektive und zeitsparende Zubereitungstechniken („schnelle Küche für Berufstätige“) vermittelt.

Nicht zuletzt ist das Essen der in der Klinik angebotenen gesunden Mischkost (nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, DGE) – auch als Reduktionskost – , die sich insbesondere im niedrigeren Fett- und Salzgehalt von der übli­chen häuslichen Kost unterscheidet, eine wichtige Eigenerfahrung. Hier erleben die Patienten, dass sie sich an gesunde Kost gewöhnen und gleichzeitig ausreichend Genuss behalten können. Sie werden ermuntert, auf ihren Sättigungsgrad zu achten und das Sättigungsgefühl gegebenenfalls über den selbstbestimmten Salat- (Ballaststoffe) und Vollkornbrotkonsum (komplexe Kohlenhydrate) zu beeinflussen.

Eminent wichtig ist die Hinführung der Übergewichtigen zu einem effektiven Bewe­gungsverhalten. Es gilt den negativen Aufschaukelungsprozess („Teufelskreis“) zwischen Gewichtszunahme und Abnahme von Bewegung und Bewegungsantrieb (Trägheit) umzukehren in einen „Engelskreislauf“ von Gewichtsabnahme und Zunahme an Bewegung und Bewegungsfreude.

Die Reduzierung des Körperfettanteils wird mittels Ausdauertraining mit geringer bis mittlerer Intensität im aeroben Bereich angestrebt. Mit der einhergehenden Muskelkräftigung wird eine Stabilisierung oder Steigerung des Grundumsatzes erreicht. Durch individuell angepasstes Ergometertraining, Walking und Aquajogging werden insbesondere Bein-, Bauch- und Rückenmuskeln gestärkt und die Kondition ver­bessert. Zudem wird in einer speziellen Adipositas-Sport-Gruppe wieder Freude an der Bewegung vermittelt, die Koordinationsfähigkeit geschult und die Leistungsfähigkeit des belasteten Bewegungsapparates gefördert. Insgesamt führen die bewegungstherapeutischen Maßnahmen auch zu einer besseren Körperwahrnehmung und positiverem Körpergefühl.

Aufgrund der erlebten Erfolge der Reha-Therapiemaßnahmen (bzgl. Gewicht, Fitness und Körperempfinden) gehen die meisten Patienten mit einem Motivationsschub in ihren Alltag zurück. Dadurch wird eine gute Voraussetzung geschaffen, das Gewicht auf einem niedrigeren Niveau stabilisieren zu können.

Die Umsetzung der in der Klinik gewonnenen Einsichten und erprobten Essverhal­tensweisen in den häuslichen Lebensalltag ist Hauptthema der psychologisch geführten Essverhaltensgruppe. Verschiedene Aspekte der Selbstunterstützung auf dem lebenslangen Weg der angemessenen Steuerung des Essverhaltens werden reflektiert. Die Patienten erfahren, dass eine positive und effektive Motivation auf Selbstakzeptanz gründet und dass kleine Veränderungen positiv gewürdigt werden. Ein guter Umgang mit sich selbst heißt auch, realistische Ziele (Gewichtsreduktion von 10 % ? 5 %, schrittweise Umstellung des Essverhaltens) zu akzeptieren und sein körperliches Befinden, die Beweglichkeit und Fitness stärker zu werten als Figur-Ideale. In Einzelfällen bei Vorliegen ausgeprägter psychosozialer Belastungen, die durch Essen kompensiert werden, werden in psychotherapeutischen Einzelsitzungen konstruktive Bewältigungsmöglichkeiten erarbeitet. Auch können in der Stressbewäl­tigungsgruppe die generellen Fähigkeiten zur Stressverarbeitung verbessert werden.

Die wichtigsten Prinzipien unseres Behandlungsansatzes sind:

  • Information und Aufklärung
  • Betonung einer fettnormalisierten, ballaststoffreichen Mischkost
  • Praktische Umsetzung und Schmackhaftigkeit dieser Kost
  • Körperliche Aktivierung und Muskelaufbau
  • Berücksichtigung der individuellen bisherigen Essgewohnheiten
  • Prozessorientierung
  • Moderate Ziele und langfristige (lebenslange) Ausrichtung
  • Schrittweises Vorgehen
  • Selbstunterstützung
  • Ggf. ergänzende Psychotherapie

Der Behandlungsansatz wird umgesetzt mittels folgender Therapiemaßnahmen:

  • Ärztliche Beratung
  • Vortrag, Seminar und Einzelberatung der Ernährungsfachkräfte
  • Lehrküchenseminare
  • Bewegungstherapie mit persönlicher Trainingsempfehlung
  • Psychologische Gruppentherapie, ggf. Einzelpsychotherapie
  • Selbstbehauptungsgruppe
  • ggf. Stressbewältigungsseminar
  • ggf. Prädiabetesschulung, Hypertonieschulung, Diabetesschulung, Diabetesberatung, Diabetessprechstunde

Die Übergewichtsbehandlung in der Klinik Hohenfreudenstadt unterliegt einer umfassenden Qualitätssicherung. Diese geschieht extern über die Deutsche Akademie für Ernährungsmedizin (DAEM), welche die Klinik Hohenfreudenstadt als von ihr zertifizierte Lehrklinik überwacht. Interne Qualitätssicherung findet statt über Patientenbefragungen und über die regelmäßig stattfindenden Sitzungen der interdisziplinär zusammengesetzten Ernährungskommission.