Überlastungssyndrome

Überlastungssyndrome am Bewegungsapparat

Überlastungssyndrome am Bewegungsapparat entstehen in der Regel durch
meist chronische Überschreitung der Belastungstoleranz verschiedener
funktioneller anatomischer Strukturen wie der Muskulatur, der Sehnen der Gleit- und
Bindegewebe, und auch seiner Steuerorgane, des Nervensystems.

Verschiedene Belastungsfaktoren können hierbei monokausal überschwellig einen Schaden verursachen, es können aber auch mehrere Faktoren unterschwellig vorhanden sein und diese in der Summation die Schädigung bedingen. Die Einzelfaktoren, die zur Überlastungsreaktion und zum Überlastungsschaden führen, kann man einordnen in Faktoren,

  • die grundsätzlich eine zu hohe Belastung verursachen
  • die eine adäquate Belastung darstellen, die jedoch unter ungünstigen Bedingungen stattfinden
  • Faktoren die durch unphysiologischen Bewegungsablauf schädigend wirken
  • die Tatsache einer verminderten Belastbarkeit, z.B. durch Vorschäden oder altersbedingt

Viele Überlastungssyndrome finden sich in sportmedizinischen Sprechstunden, da im Sport das Bewegungssystem zur Erzielung von Leistung belastet wird und die Grenze zur Überlastung oft fließend ist. Aber auch viele Berufe sind gekennzeichnet durch eine einseitige körperliche Tätigkeit, die – über längere Zeit betrieben – eine Summe unterschwelliger chronischer Reizungen symptomatisch werden lässt.

Unter den betroffenen Strukturen ist zunächst einmal die Muskulatur hervorzuheben. Ein Hinweiszeichen für eine Überlastung kann das Auftreten von Muskelkrämpfen sein. Diese sind im Wesentlichen bei Elektrolytverschiebungen vorhanden, können aber auch Folge einer Fehlsteuerung des übergeordneten neuronalen Systems darstellen. Der Muskelkater ist ein schmerzhafter Symptomenkomplex, der bei untrainiertem Muskel und ungewohnter exzentrischer Belastung auftreten kann. Die Ursache der Schmerzempfindung bei Muskelkater ist noch nicht eindeutig geklärt, es werden Milchsäurekristalleinlagerungen ebenso wie Microzerreissungen im Muskelgewebe vermutet.

Die Entstehung von lokalen Muskelverhärtungen, den Myogelosen, ist überwiegend auf eine isometrische Überlastung eines Muskels zurückzuführen. Sehnengewebe ist besonders anfällig für Überlastungsschäden, da es durch den im Vergleich zur Muskulatur geringeren Durchblutungsgrad ebenfalls verminderte Anpassungs- und Regenerationsmöglichkeiten besitzt. Mit zunehmendem Alter, aber auch bei chronischer Sehnenüberlastung nimmt die Flexibilität und Zugfestigkeit ab. Die Folge davon können Sehnenrupturen sein, die sich meist im Verlauf der Sehne befinden und seltener am knöchernen Ansatzort, da die Ausreißfestigkeit der knöchernen Verwachsung höher ist als die Reißfestigkeit der Sehne selber.

Die klinische Symptomatik stellt sich meist in Form einer Sehnenentzündung (Tendinitis) oder einer Entzündung der Sehnengleitgewebe (Tendovaginitis) dar. Bedingt durch die entzündliche Reaktion stehen im Vordergrund der Druck- und Bewegungsschmerz im Verlauf oder Ansatzbereich der Sehne des betroffenen Muskels. Im Bereich der Schulter zeigen sich solche Veränderungen im Verlauf der langen Bizepssehne und der Supraspinatussehne im humeralen Ansatzbereich, die Epicondylopathia humeri ulnaris oder radialis als Überlastungssyndrom der Beuge- oder Strecksehnen des Handgelenks und der Finger sind ebenfalls sehr häufig an den oberen Extremitäten zu beobachten. An den unteren Extremitäten ist vor allem die Achillessehne klinisch häufig betroffen, insbesondere da hier der sehr hohe Muskelquerschnitt des dreiköpfigen Wadenmuskels in einen relativ dünnen Achillessehnenquerschnitt einmündet.

Die klinische Erscheinungsform der Überlastungssyndrome wird außerdem durch die Mitbeteiligung zusätzlicher Strukturen geprägt. Eine Gelenkkapsel unterliegt denselben entzündlichen Reaktionen, wie das Sehnengleitgewebe. Insbesondere im Bereich der Schultergelenke, wo die lange Bizepssehne teilweise intraartikulär verläuft, kann es auch zu einer Begleitreaktion der Kapselstrukturen kommen.

Die entzündlichen Prozesse, die hier durch eine Überlastung hervorgerufen wurden, zeigen das Vollbild einer entzündlichen Gelenkerkrankung. Selbstverständlich ist im gesamten Therapiekonzept auszuschließen, dass solche Tendovaginitiden als Vorläufer einer systemischen entzündlichen Gelenkerkrankung, z.B. einer rheumatoiden Arthritis, angesehen werden können.

Eine weitere klinisch häufig zu beobachtende Symptomatik als Folge einer Überlastungsreaktion ist die entzündliche Veränderung eines Schleimbeutels. Hier ist wie auch beim Sehnengewebe zu beobachten, dass unspezifische degenerative Veränderungen wie Kalkeinlagerungen im Rahmen des entzündlichen Geschehens stattfinden können. Im Gegensatz zu den unspezifischen Bursitiden finden sich bei spezifischen Schleimbeutelentzündungen, z.B. nach bakteriellen Infektionen, keine Kalkeinlagerungen.

Die Rehabilitationsziele der Überlastungssyndrome sollten nach einer genauen Analyse des Überlastungsreizes und dessen Reaktion erstellt werden. So muss bei einer Überlastungsreaktion durch sportliche Betätigung eine falsche Bewegungstechnik oder, was häufig vorkommt, ein falsches Trainingsprogramm, korrigiert werden und im beruflichen Alltag muss eine exakte Arbeitsplatzanalyse den therapeutischen Verordnungen vorangestellt werden, damit diese auch auf mögliche berufsfördernde Maßnahmen wie eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung ausgerichtet werden können.

Generell lassen sich die Rehabilitationsziele und therapeutischen Möglichkeiten wie folgt aufgliedern:

1. Ausschaltung des Überlastungsreizes
Es muss vorübergehend auf die reizbestimmende Tätigkeit oder Bewegung verzichtet werden. Dies kann in Extremfällen durch Ruhigstellung im Tape- oder Gipsverband erreicht werden. Eine Ruhigstellung darf jedoch nur solange erfolgen, solange noch eine adäquate funktionelle Einflussnahme möglich ist. Dieser Zeitraum ist individuell sehr unterschiedlich.

2. Schmerzreduktion
Die Ruhigstellung bewirkt einerseits eine Schmerzreduktion durch Verzicht auf die Gewebsreizung, andererseits sind die entzündlichen Reaktionen auch in Ruhe schmerzhaft. Hier muss gezielt die entzündliche Reaktion gehemmt werden. Dies erfolgt durch medikamentöse Maßnahmen. Kältereize wirken schmerzlindernd und antiödematös. Elektrotherapeutische Anwendungen sind ebenfalls schmerzlindernd und Stoffwechsel anregend. Lokale Infiltration in Form einer TLA können akute Schmerzen beseitigen. Nicht-steroidale Antirheumatika können auf biochemischer Ebene über die Hemmung der Zyclooxygenaseaktivität die Freisetzung von Entzündungsmediatoren reduzieren. Die Verabreichung von corticoidalen Kristallsuspensionen in oder an entzündliches Gewebe ist sehr kritisch und zurückhaltend durchzuführen. Zum einen wird die Entzündungsaktivität gehemmt, andererseits werden im schon von Natur aus bradytrophen Gewebe einer Sehne auch die reparativen Stoffwechselvorgänge gehemmt. Eine gute Wirksamkeit zeigen die Schmerzakupunktur und osteopathische Techniken, mit denen z.B. schmerzhafte Tenderpunkte behandelt werden können.

3. Muskeldehnung
Die Dehnung der betroffenen Muskulatur und seiner Synergisten ist absolut notwendig bei insuffizienter Verkürzungsreaktion oder bei unphysiologischer Tonuserhöhung. Außerdem wird hierüber die Entspannung der Golgi-Sehnenapparate eingeleitet und eine physiologische koordinative Innervation der Synergisten und Antagonisten erreicht. Krankengymnastische Übungsbehandlungen beinhalten Techniken wie die postisometrische Relaxation und Muskelenergietechniken.

4. Funktionelles Training
Die funktionelle Reintegration eines Muskels und seiner beteiligten Sehne umfasst die Optimierung aller Muskeln und Muskelgruppen, die das betroffene Gelenk bedienen. Hierdurch werden physiologische Bewegungsmuster verbessert oder neu gelernt. In der Regel erstreckt sich die krankengymnastische Behandlungen und die ergotherapeutischen Anwendungen auch auf benachbarte Gelenke im Rahmen kinetischer Muskelketten.

5. Ausschaltung schädigender Reize
Die Vermeidung des schädigenden Überlastungsreizes geschieht im beruflichen Alltag durch eine Veränderung der Arbeitsplatzbedingungen, z.B. durch ergonomische Arbeitsplatzgestaltung, im Sport durch Optimierung der Ausrüstung, der Technik oder des Trainingszustandes.

6. Orthesen und Trainingsoptimierung
Sollten die oben genannten Maßnahmen nicht möglich sein, so müssen alternative Lösungswege gefunden werden. Hierzu gehört der Einsatz von Hilfsmitteln zur Funktionserleichterung wie Orthesen oder die Schulung kompensierender Bewegungsabläufe oder Arbeitstechniken.

7. Prävention
Die Erstellung und Erlernung eines adäquaten Hausübungsprogramms hilft Überlastungen spezifischer Muskelgruppen zu vermeiden.

Abhängig von Lokalisation, Ausmaß der Funktionsstörung und den beruflichen Anforderungen. Keine monotone Tätigkeit mit konstanter isometrischer Belastung.