Ernährung und Psyche

Essen als Sucht

Obwohl uns zur Zeit Hungerkatastrophen und Szenarien von Nahrungsmittelknappheit
für die wachsende Weltbevölkerung beunruhigen, nimmt in westlichen Gesellschaften
das Thema Essen einen Großteil unserer Zeit und unserer Gedanken in Anspruch.
Wir sammeln viel Wissen über Kohlenhydrate, Ballaststoffe, Vitamine, Proteine und
Kalorien an – doch je intensiver wir uns mit der Frage „was soll – was darf ich essen“ befassen,
desto größer wird die Entfremdung zwischen dem Essen und uns. Vor lauter Wissen wissen wir
nicht mehr, was unsere wirklichen Bedürfnisse und Wünsche sind.

Dabei ist Esslust gut. Es ist nicht nur ein sinnliches, Geborgenheit gebendes Verhalten von allem Anfang an. Das Erlebnis, vom Arm der Mutter gehalten zu werden, zu saugen, zu schlucken, zu schmecken wird dann später auf andere Gegenstände ausgedehnt. Wir stecken alles lustvoll in den Mund, was wir zu fassen kriegen. Wer glaubt, dass sich diese Phase mit dem Heranwachsen gibt, wird von S. Freud eines besseren belehrt: „Die primitive Gier des Säuglings, der sich aller Objekte zu bemächtigen sucht (um sie in den Mund zu stecken), zeigt sich allgemein als nur unvollständig durch Kultur und Erziehung überwunden.

Die orale Lust bleibt uns in gewissem Maß erhalten. Doch wie gehen wir mit ihr um? Wir wollen sie nicht kennen, versuchen sie zu kontrollieren und zu ignorieren. Das aber rächt sich. Die Gier verkümmert – und mit ihr der Geschmack, die Leidenschaft, die Sinnlichkeit beim Essen. Die Freude am Essen macht Platz: dem Unerfülltsein, dem ständigen Hungergefühl, den gefährlichen Fressattacken und den noch gefährlicheren Diätphasen. Weil wir auf nichts mehr gierig sein dürfen, leiben wir uns auf verrückte Weise ein, wonach und gar nicht gelüstet.

  • Das Wort ESSEN hat für 44% die Assoziation „Lust am Genuss“
  • Das Wort ERNÄHRUNG hat nur für 25% die Assoziation „Lust am Genuss“
  • Mit dem Wort ERNÄHRUNG verbinden 24% Gesundheit
  • Mit dem Wort ESSEN verbinden nur 7% Gesundheit

Das heißt, Essen bringt Lust und Genuss, Ernährung dagegen ist gesund und langweilig. Nun kann aber Selbstkasteiung niemandem gefallen. Das heißt Lustfeindlichkeit und Lustlosigkeit machen sich breit. Wer ständig darauf achtet, nur ja das Richtige und nur ja nicht zu viel zu essen, verliert auf Dauer den Geschmack am Geschmack. Er kann weder Nahrung noch andere Genüsse wirklich schätzen.

Wenn das schlechte Gewissen zum ständigen Begleiter am Esstisch wird, verlernt man langsam aber sicher die Fähigkeit, mit allen Sinnen zu leben. Essen ist – wie Sexualität – eine einzigartige Quelle für Genuss und Lebensfreude. Wer sich diese Quelle versagt, wird früher oder später die Freude auch an anderen Genüssen verlieren. Ein freudloser Mensch ist aber niemals zufrieden und deshalb ständig auf der Suche nach Befriedigung. Süchte und Zwänge sind die extremen Folgen dieser Frustration durch Genussunfähigkeit. Also: Es gilt das Genießen neu zu lernen. Denn nur wer beim Essen und mit dem Essen zufrieden ist, der kann es auch in anderen Lebensbereichen sein.

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und das gilt auch für’s Essen. Doch bei allen Unterschieden ist allen Menschen eines gemeinsam: die Vorliebe für Süßes. Jeder Mensch besitzt Rezeptoren für vier Basisgeschmacksrichtungen – süß, salzig, sauer und bitter. Doch die meisten mögen von Geburt an besonders gern Süßes.

Es gibt auch in der Lerntheorie eine Erklärung für diese Vorliebe – um nicht zu sagen Sucht. Weil wir als Kind Schokolade oder andere Süßigkeiten meist zur Belohnung, als Trost oder als Geschenk bekommen haben, verbinden wird mit ihrem Genuss positive Gefühle. Gleichzeitig war Schokolade in der Kindheit auch ein rationiertes Glück. Die Ermahnung, nicht zu viel davon zu essen und das zugeteilte Stückchen auch zu genießen, kann beim Erwachsenen später zu dem bekannten Heißhunger nach Süßem führen. Nicht angeboren, sondern „nur“ erworben ist die Vorliebe für Fett. Das hat wohl rein sinnliche Ursachen, weil Fett das Aroma besser transportiert als Kohlenhydrate das können und es macht eine Speise sowohl cremig als auch fest. Besonders verführerisch in Kombination mit Süßem – Schokolade, Eiscreme, Mousse au chocolat...

Angeborene Geschmackspräferenzen, die im Laufe des Lebens Verstärkung erfahren, nehmen entscheidenden Einfluss auf die Zusammenstellung unseres Speiseplans und reduzieren unsere Bereitschaft, Neues aufzunehmen. Aber Geschmackspräferenzen können verändert werden – vorausgesetzt natürlich, man will es. D.h. der Gewöhnungsfaktor beeinflusst unser Essverhalten ganz entscheidend. Das was wir am häufigsten essen, schmeckt uns am Ende auch am besten. Will man also andere Nahrungsmittel oder Gewürze in den Speiseplan aufnehmen, braucht man etwas Geduld und die bewusste positive Hinwendung zu dem neuen Erleben.

Ernährungsforscher bezweifeln nicht mehr, dass man „gute Laune“ essen kann. Die Forschung über „Mood Food“ – „Stimmungsnahrung“ – kam zu folgenden Einsichten:

Kohlenhydrate beruhigen und entspannen, Fett dagegen belastet und macht träge, Proteine aktivieren, Zucker hebt das Lebensgefühl sofort, Nervengifte wie Alkohol und Koffein können anregend und wohltuend wirken, wenn sie – wie alles – zur rechten Zeit und in Maßen genossen werden.

Wer also in Zeiten des Überflusses ein gesundheitsbewusstes Ernährungsverhalten entwickeln möchte, kann sich nur an der harmonischen Ernährungsweise der Genussesser orientieren.

  • Nur essen, wenn man Hunger verspürt
  • Genießen, was man isst
  • Spüren und auswählen, was Körper und Seele im Moment brauchen

Nun haben aber auch äußere Faktoren einen Einfluss auf unser Ernährungsverhalten. Der Sozialfaktor besagt, dass in Gesellschaft bis zu 76% mehr gegessen wird. Selbst zu zweit steigt die Menge um bis zu 28%. In Gesellschaft zu essen, tut der Seele gut, man fühlt sich eingebunden und bekommt soziale Unterstützung.

Besonders gut schmeckt das Essen auch, wenn man großen Hunger hat. Das Problem dabei, viele Menschen sind nicht mehr in der Lage zwischen Hunger und Appetit zu unterscheiden.

Der Faktor Abwechslung führt dazu, dass wir über den Hunger essen, wenn die Auswahl unter verschiedenen Geschmacksrichtungen gegeben ist. So verspeisten Menschen in einem Experiment bei einem Vier-Gänge-Menü 60% mehr, als wenn sie sich mit nur einer Mahlzeit begnügen mussten. Das verdanken wir dem Bedürfnis nach Geschmacksvielfalt – wir sind zwar satt von würzigen speisen, aber immer noch hungrig nach Süßem. Als Konsequenz sollten wir darauf bewusst Rücksicht nehmen und die Speisenkombination möglichst so zusammenstellen, dass alle Geschmacksbedürfnisse befriedigt werden können.

Inzwischen gilt einheitlich die Meinung, dass es wenig Sinn hat, sich bestimmte Speisen zu verbieten. Essen ist ein wichtiger Quell der Lebensfreude. Diäten und entsinnlichte Speisen machen das Leben ärmer. Es gilt also, die Freude am Essen und körperliches und seelisches Wohlbefinden in Übereinstimmung zu bringen.

Nicht alles, was schmeckt, tut uns gut; aber vieles, was uns schmecken und unser Wohlbefinden steigern könnte, ist uns nicht vertraut.

In diesem Sinne geben die Ergebnisse der Forschung durchaus Anregung zum Experimentieren in der eigenen Küche. Kochbücher und das Überangebot an Kochsendungen im TV geben ja Anregungen genug.

Ein Teilnehmerin einer Studie zum Essverhalten beschrieb das so:

„Es begann als Diät und wurde zum Hobby – nun ist es mein Lebensstil“.

  • Nahrung ist für mich kein Trostmittel mehr – ich treibe lieber Sport
  • Ich mache keine Diät mehr
  • Ich identifiziere mich mit meinem Hunger – wann und worauf habe ich Hunger?
  • Ich esse alles langsam und bewusst
  • Ich bin zufrieden mit kleinen Schritten, Rückfälle analysiere ich und lerne daraus.
  • Ich zwinge mich nicht, alles aufzuessen, sondern prüfe was passiert, wenn ich was übriglasse. (Schließlich landet der Rest auch auf dem Biomüll, wenn ich ihn esse, nur später!)
  • Ich esse nicht, wenn ich keinen Hunger habe.

Essstörungen sind keine Ernährungsstörungen. Essstörungen sind Erkrankungen mit erheblichen somatischen, psychischen und oft sozialen Konsequenzen.

Essgestört sind Menschen, deren Umgang mit der Nahrung einen unangemessenen Stellenwert in ihrem Leben hat. Essen wird als Problemlösung, als Ersatz für nicht gelebte Gefühle, als Konfliktvermeidung, als Machtmittel, als Strafe, als Trost benutzt. Die Gedanken an Essen – oder seine Vermeidung wie bei der Magersucht – füllen einen Großteil des Tages und der Nacht.

Das gängige Schönheitsideal macht es Frauen schwer, mit ihrem Körper zufrieden zu sein und eine starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führt zu verzweifelten Versuchen, ihn diesem Ideal um jeden Preis anzupassen. Diäten und Schlankheitsmittel können der Einstieg in eine Essstörung sein.

Diäten bringen nur kurzfristige Erfolge. Nur eine genussvolle Ernährung, mehr Bewegung und das Aufdecken der Hintergründe für das übermäßige Essen können zu einer langfristigen Gewichtsreduktion führen.

Diäten machen die Betroffenen zu Kindern, indem sie ihnen die Entscheidungskompetenz nehmen. Sie dürfen nur noch nach Erlaubnis essen und müssen Verzicht üben. Dieser Verzicht gleicht einer Selbstbestrafung. Die Betroffenen leben in zwei Realitäten: entweder zwanghafte Diäten oder zwangloses Fressen. Das Essen wird als etwas feindseliges, verbotenes, eben als „Sünde“ erlebt.

Diagnosekriterien und Symptomatik

  • Wiederholte Episoden von Fressanfällen (mind. 2/Woche über 3 Monate)
  • das Gefühl, das Essverhalten während der Fressanfälle nicht kontrollieren zu können
  • im Anschluss Erbrechen, Abführ- oder Entwässerungstabletten und/oder strenge Diät und/oder exzessives Bewegungsverhalten
  • andauernde übertriebene Beschäftigung mit Figur und Gewicht
  • Vom äußeren Erscheinungsbild her unauffällig bis schlank. Manchmal auch leicht übergewichtig. Essverhalten unauffällig- Oft Geldnot (wegen heimlicher Attacken). Zunächst kontaktfreudig, aber sehr unzuverlässig und häufig sozial isoliert. Beruflich ehrgeizig und leistungsorientiert. Perfekte Fassade.
  • Durchschnittliche Erkrankungsdauer 4-7 Jahre. Massive Schuld und Schamgefühle machen es schwer, Hilfe aufzusuchen.
  • Folgeschäden
  • Schwellungen der Speicheldrüsen, Zahnschmelzschäden, Speiseröhrenrisse, Magenwandperforationen und Elektrolytentgleisungen (Kalium-, Magnesiummangel) - Folge: Nierenversagen und Herzrhythmusstörungen.
  • Auslöser und Ursachen
  • Vielfältig: Folge einer Anorexie, konflikthafte Trennungen, leistungsorientierte Familiensituationen, Diffusion im Rollenverhalten, sexuelle Übergriffe in der Kindheit, starker Perfektionismus, Erwartungshaltung an Frauen z.B. in allen Rollen perfekt sein zu müssen, das moderne Schönheitsideal.
  • Anorexia nervosa oder Magersucht
  • Diagnosekriterien und Symptomatik
  • Extreme Gewichtsabnahme in kurzer Zeit durch streng kontrollierte Nahrungsaufnahme
  • Weigerung, ein Minimum des für Alter und Größe normalen Gewichts aufrechtzuerhalten
  • Extreme Angst vor Gewichtszunahme
  • Gestörte Körperwahrnehmung
  • ständiges Kreisen um das Thema Gewicht und Essen

Folgeschäden
Absinken des Stoffwechsels, des Pulses, des Blutdrucks und der Körpertemperatur, was zu Müdigkeit, Frieren und Verstopfung führt. Trockene Haut und brüchige Nägel zeigen hormonelle Veränderungen an, die sich auch im Ausbleiben der Menstruation und im Extremfall auch in einer Veränderung der Körperbehaarung äußern.

Auslöser und Ursachen
Die Magersucht tritt überwiegend in der Pubertät auf, wenn die Ablösung vom Elternhaus geschehen sollte. Häufig ist eine symbiotische Beziehung zur Mutter, in der die eine nicht ohne die andere überleben kann. Die Autonomie muss dann auf andere Weise (über Esskontrolle) hergestellt werden. Das Familienklima ist oft scheinbar aggressions- und konfliktfrei. Doppelbödigkeit in den Beziehungen machen es den Betroffenen schwer, ihre eigene Identität auszubilden. Sie können sich nicht auf ihre Gefühle verlassen. Häufig verspüren sie unausgesprochene Trennungswünsche der Eltern, bekommen aber versichert, dass alles in bester Ordnung sei.

Die Begriffe Übergewicht und Adipositas werden häufig synonym verwandt, bezeichnen jedoch nicht das selbe.

(BMI 25-30 = Übergewicht; BMI 30 –35= Adipositas; BMI>35 = Adipositas schwer; BMI > 40 Adipositas per magna). BED muss nicht mit Übergewicht einhergehen, tut es jedoch häufig, weil es bei dieser Erkrankung zu Fressanfällen kommt, die nicht vom Erbrechen gefolgt sind.

Diagnosekriterien
Wiederkehrende Episoden von Heißhungeranfällen (mind. 2/Woche, über 6 Monate), die als zwanghaft und hemmungslos erlebt werden, gefolgt von Schuldgefühlen, Depressionen und Selbstvorwürfen.

Folgeschäden
Körperlich: BMI>30 Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt, Gelenkleiden, Wirbelsäulenschäden, Diabetes).

Seelisch: Resignation, Flucht in Tagträume, Antriebslosigkeit, Depression, Hass auf den eigenen Körper, Vermeidung von Spiegeln, Probleme, eigene Grenzen zu spüren.

Häufig liegt schon ein lebenslanges Problem mit Übergewicht vor. Die Erfahrung, mit Essen getröstet, stillgehalten, weggeschoben und belohnt zu werden. Es waren die artigen Kinder, die immer alles aufgegessen und nie rebelliert haben. Sie lernten, dass es besser ist, seinen Kummer wegzuessen, als sich für seine Bedürfnisse einzusetzen. Essen war oft ihr einziger Freund, ihre einzige Lustquelle. Sie erhielten wenig Anregung zur Bewegung, sich etwas zuzutrauen und etwas zu riskieren.

Sie ist nicht in den Diagnose-Kriterien des DSM IV enthalten, wohl weil die Folgeschäden nicht so sichtbar sind. Aber latent Esssüchtige sind prädestiniert, schwere Essstörungen zu entwickeln, wenn ihr gezügeltes Essverhalten einmal nicht mehr zur gewünschten Figur beiträgt.

Die Kontrolle führt zum Ignorieren physiologischer Hunger- und Wunschsignale. Das wiederum führt zur Entfremdung von eigenen Bedürfnissen. Diese Gefahren wurden bisher wenig gesehen bzw. bagatellisiert.

Das zur Zeit geltende Schönheitsideal der Jugendlichen liegt bei einem BMI <17-19 = eindeutig untergewichtig.

Folgeschäden
In Extremfällen Kreislauferkrankungen, die durch starke Gewichtsschwankungen in kurzer Zeit ausgelöst werden.

Auslöser und Ursachen
Das bestehende gesellschaftliche Schönheitsideal

Die Einsicht, Essstörungen als permanente Wiederholung eines untauglichen Problemlöseverhaltens in Situationen, denen man hilflos gegenübersteht, zu verstehen, hilft, die Selbstbestrafung der Betroffenen aufzuheben. Sie erleben sich nicht mehr als unbeherrscht, unzulänglich und unfähig, sondern erkennen, dass ihre Essstörung einen Sinn hat, vielleicht sogar eine Überlebensstrategie ist. Sie lernen, sich und die Dynamik ihres Verhaltens besser zu begreifen.

Ohne Frage lassen sich bei Essstörungen in der Entstehung und im Verlauf Symptome finden, die als suchtspezifisch gelten. zudem stehen Essstörungen häufig am Ende einer langen Suchterfahrung. Da der Umgang mit Nahrung täglich erforderlich ist, ist eine Heilung besonders schwer. Immer wieder gilt es, die Auslöser für das Verhalten zu finden. Was ist an dem Abend geschehen? was würde geschehen, wenn Du diesen Teil deiner Zeit anders füllen müsstest? Welche Gefühle treten vor dem Anfall auf? Wie fühlst Du Dich dabei und danach? Geben Dir die Anfälle Struktur und Sicherheit? Was gibt Dir sonst Halt?

Wer bist Du ohne Sucht? Diese Frage sollte unbedingt gestellt werden. Häufig ist die Sucht ein Teil der eigenen Identität geworden, die nicht ohne Angst aufgegeben werden kann. Geringe Selbstsicherheit und ein stark – häufig auf den Beruf ausgerichtetes eingeschränktes Selbstbewusstsein, sowie ein Mangel an Identität finden sich bei essgestörten Personen.

Besondere Schwierigkeiten

  • Was ist mein Maß, meine Portion?
  • Wann habe ich genug?
  • Welche Gefühle lebe ich, welche esse ich weg?

Häufig auftretende Fragestellungen

  • Essen nebenbei – neben TV – neben der Zeitung
  • Lohnt es sich für mich alleine, Essen liebevoll zuzubereiten?
  • Wie reagiert der Partner, wenn ich nicht alles aufesse?
  • Wie kann ich etwas ablehnen, ohne zu verletzen?
  • Was bin ich mir wert?
  • Weiß ich wirklich, was ich gerade brauche?
  • Wie nahe bin ich mir? Wer bin ich?
  • Wie kann ich fühlen und das benennen?
  • Wie gehe ich mit Kritik um? Kann ich mich gegen Kränkungen wehren?
  • Was löse ich aus, wenn ich meine Wut zeige?
  • Fühle ich mich besser, wenn ich darüber geredet habe?
  • Macht es mir Angst, mich so wütend zu erleben?
  • Ich will nicht mehr um des lieben Friedens willen alles in mich hineinschlucken

Ich weiß schon so viel über meine Essstörung – warum kann ich es nicht verändern? Hinter dieser Äußerung steckt Resignation, Selbstzweifel und Hilflosigkeit.

Diäten sind schädlich – die beste Diät ist keine Diät. Botschaften dieser Art kennt man inzwischen zur Genüge. Sie können aber nicht verhindern, dass immer wieder Menschen neue Abmagerungskuren ausprobieren – mit immer dem selben Ergebnis: Die verlorenen Pfunde sind schnell wieder zurück. Vier Jahre nach einer Diät befragt, haben nur 3% der Versuchsteilnehmer an einer solchen Jojo-Studie ihr mit der Diät erzieltes Gewicht halten können.

Frage: Warum ist es so viel schwerer, schlank zu bleiben als abzunehmen? In grauer Vorzeit waren ein gesunder Appetit, die Fähigkeit, Fett zu speichern und große Mengen verspeisen zu können, Überlebensmechanismen. Für den modernen Menschen sind diese Fähigkeiten jedoch ein evolutionäres Erbe, das unter Umständen sein Leben verkürzen kann. Obwohl er längst nicht mehr als bewegungsfreudiger Jäger und Sammler unterwegs ist, verhält er sich in vielem immer noch wie seine Ahnen: So faul, wie sie nach einem ausgiebigen Essen in ihrer Höhle lagen, so faul liegt er nun auf dem Sofa. Und wie sie futtert auch der moderne Mensch noch solche Mengen, als müsse er mit schlechten Zeiten rechnen.

Doch während die Menschen damals ihr überschüssiges Fett tatsächlich in nahrungsarmen Zeiten wieder loswurden, verschwendet der heutige Zeitgenosse nur ein paar Kalorien, indem er die Kühlschranktür auf und zu macht. Um nicht allzu sehr die Kontrolle zu verlieren, verschafft er sich dann von Zeit zu Zeit selbst „Hungersnöte“. Er tut so, als hätte er bei der Jagd nichts erlegt – er hält Diät.

Die erste Phase einer Diät gleicht den Flitterwochen, weil am Anfang erste Erfolge zu euphorischen Gefühlen führen. Bald folgt jedoch die zweite Phase: Die Frustration. Der Diätwillige erkennt, dass es Ausdauer und Anstrengung kostet, das gesteckte ziel zu erreichen. Er gibt auf und beraubt sich der Chance, die dritte Phase - die der vorläufigen Akzeptanz - zu erreichen.

Die Psychofallen, die dazu führen, heißen:

Motivation – Wunschgewicht – kontrolliertes Essen – körperliche Tätigkeit.

Motivation – solange ich abnehmen will, weil mein Partner es verlangt, die Lieblingshose spannt oder der Urlaub vor der Tür steht, wird die Motivation höchstens ein paar Wochen anhalten, Solange ich nicht für mich selbst abnehmen will, also nicht intrinsisch motiviert bin, bleibt der Erfolg begrenzt.

Wunschgewicht – da es sich meistens bei dem Wunschgewicht um ein sehr idealistisches Ziel handelt, ist auch hier der Erfolg sehr begrenzt. Der Vorsatz, erst einmal 1 Kilo abzunehmen und dann das nächste, ermöglicht einzig und allein eine auf die eigenen Maßstäbe abgestimmtes Vorgehen.

Folgende Fragen könnten hier hilfreich sein:

  • Was war mein niedrigstes Gewicht als Erwachsener, das ich ein Jahr halten konnte?
  • Mit welcher Kleidergröße wäre ich zufrieden?

Kontrolliertes Essen – ist meist begleitet von vielen „nie wieder“ – das berühmte Alles-oder-Nichts-Gebot. Langfristig erfolgreiche Abnehmer versagen sich keine bestimmten Speisen, unterwerfen sich keinen Essverboten, sondern lernen zu genießen, ihren wirklichen Hunger und ihr Sättigungsgefühl wahrzunehmen.

Körperliche Trägheit - Bewegung ist zur langfristigen Gewichtsreduktion unerlässlich. Dazu muss man seinen eigenen Bewegungstyp herausfinden. Manche brauchen einen strikten Zeitplan, andere wieder Flexibilität –verschiedene Sportarten zu verschiedenen Zeiten. Wieder andere ziehen ein Programm nur in Gesellschaft durch, während andere lieber allein trainieren.

Die meisten Menschen aber bleiben nur dann langfristig in Bewegung, wenn sie einen direkten Zweck damit verbinden können: - Walking, weil der Hund raus muss – mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren – Hausarbeit zur Gymnastik nutzen – in der Mittagspause einen strammen Spaziergang zum Supermarkt machen. Fantasie ist gefragt, wenn es darum geht, regelmäßige Bewegung als selbstverständlichen Bestandteil des Lebensstils zu etablieren.

Die Menschen geben alles mögliche als Grund an, warum sie nicht regelmäßig trainieren können, vor allem Zeitmangel wird immer wieder genannt.

Ich glaube aber, der wahre Grund ist ein anderer: Sie wollen nicht sinn- und ziellos auf einem Hometrainer strampeln, während zu hause die Arbeit, die Kinder oder sonstige Aufgaben warten. Kann die sportliche Betätigung mit etwas nützlichem verbunden werden, ist die Chance hoch, dass man die damit verbrachte Zeit nicht als „Opfer“ empfindet, sondern sie als bestens genutzt erlebt und nicht, wenn die Esssucht bekämpft ist, die Sportsucht ablöst.